Digitale Nabelschnur - 5 Achtsame Alternativen

August 13, 2017

Verkabelt und verkauft. So kommt man sich manchmal vor, wenn man sich in der U-Bahn umschaut.

 

Den Blick sklavisch auf den Schirm geheftet, von dem das verheißungsvolle Strahlen die Menschen in den Bann zieht. Das Moby-Video Are you lost in the world like me zeigt sehr eindrucksvoll, wohin der Trend geht: Selfie-Wahn, Einsamkeit, Stille im Restaurant, Kurzlebigkeit, Swipe Left als schnelle Lösung. Die Angst, etwas zu verpassen, FOMO - Fear of Missing Out, kursiert und wir werden nervös, wenn wir nicht sofort auf die roten Bläschen klicken. Wir sind süchtig nach Austausch geworden, nach Mitteilung und wundern uns, ob jemand vielleicht tot ist, weil er seit einer Stunde nicht geantwortet hat. 

 

Könnte ja sein. 


 

 

Was wären wir ohne unsere heißgeliebten elektronischen Medien?

 

Neulich habe ich Teilnehmende in einem meiner Seminare gefragt, wieviel Zeit sie denken, dass sie online seien. Die Mehrzahl der Antworten : 24 / 7. Sie gaben an, ihr Handy auch nachts stets auf Empfang zu halten. Wir sind ständig bereit, auf Abruf. 

 

Die moderne Technik ist so ein Geschenk, wenn wir uns sie zueigen machen und nicht umgekehrt. 

 

 

5 Achtsame Alternativen

zum Versinken im Moment statt Versacken in Ablenkung

 

1) Impuls widerstehen

 

Bei aufkommender Langeweile und Unsicherheit hüte dich, sofort übers Display zu wischen!

 

Frage dich z.B. stattdessen: 

 

  • Was nimmst du in deiner Umgebung wahr?

  • Welche Geräusche, Farben, Stimmen, aufkommenden Gefühle; wenn du an einer Ampel wartest, im Supermarkt in der Schlange stehst, dich der Blick Mitfahrender trifft, du einem Small Talk aus dem Weg gehen willst? 

 

 

2) Digital Detox

 

Ganz schräg wirds, wenn du beschließt, ganze Tage deine elektronischen Geräte auszuschalten, die manchmal wie ein Schutzschild oder drohende, piepende Schwerter wirken und persönliche Interaktionen lahmlegen können. Studien haben gezeigt, dass ein Großteil der Menschen sich automatisch weniger beachtet fühlt, sobald sich ein Smartphone, Tablet etc. zwischen sich und den Gesprächspartner*innen befindet. 

 

Wir müssen nicht extra in auf Digital Detox ausgerichtete Camps düsen.

Urlaubstage und Wochenenden bieten sich dafür super an! Schau, was es zu erleben gibt, wenn du die digitale Nabelschnur ziehst. Es wird sich eine neue Freiheit auftun, Kreativität wird beginnen zu fließen! Du hast plötzlich bedeutend mehr Zeit. Deine Wahrnehmung weitet sich, da der Blick nicht mehr nach unten gerichtet ist. 

 

Nutze diese neuen, unverplanten Momente:

 

  • Wann bist du das letzte Mal einer Körperpraxis nachgegangen? 

  • Wie geht es dir damit, die What's App-Nachricht heute nicht mehr zu beantworten und stattdessen das Buch anzufangen, das du zum Geburtstag geschenkt bekommen hast?

  • Wolltest du nicht längst mal ausmisten?

  • Das Schlüsselbrett liegt seit 2 Wochen in Flur. Hast du Lust, es jetzt anzubringen? 

 

3) Karten lesen und verloren gehen

 

Falls du dich in einer unbekannten Stadt befindest, verlaufe dich ruhig und schau, wie du wieder auf deine ursprüngliche Strecke, eine ganz andere, und in deine Unterkunft zurück geführt wirst.

Frag in der Touri-Info nach einer Stadtkarte aus Papier und erkunde die eingezeichneten Orte zu Fuß. Lass Google Maps in der Tasche und frage stattdessen Menschen, die dort leben, nach dem Weg. Die Chance ist hoch, dass sie dir zusätzlich die Adresse zu ihrem Lieblings-Weinladen zustecken. 

 

 

True Story: Ich besitze (noch) kein Smartphone und stand nach einem verspäteten Flug nachts um 1 in Wien. Alle vorher herausgesuchten Verbindungen waren weg. Ein Freund half mir heraus, indem er einen Bus vom Flughafen empfahl, mich an einer Station abholte und wir uns City Bikes für den Rest des mir unbekannten Weges mieteten, so durch das nächtliche Wien cruisten. Mit einer App oder Offline-Karte wäre das nicht passiert.  

 

4) Smartphones vom Tisch und Teller rauf! 

 

Welche Perle findest du, wenn du nicht der Lieferando-App, sondern im Kiez auf deine Beine und deinen Geruchssinn vertraust? Statt schnell ein Rezept im Netz nachzulesen, improvisiere mit den Lebensmitteln, die du zu Hause hast. Und beim Essen selbst, mach' weniger Platz auf dem Tisch fürs Smartphone und mehr für mit Freund*innen geteilte Teller und eine kleine Auswahl an Speisen. Tapas bieten sich dafür an, ein Abend mit selbst gefüllten und gerollten Burritos, selbst gesteckte und gegrillte Gemüsespieße. 

 

Ganz von allein passiert das Ausprobieren und Genießen übrigens, wenn du dich mit Leuten umgibst, die dich vergessen lassen, dass du eigentlich verkabelt bist. 

 

 

5) Äuglein blinzeln

 

Sich endlich wieder anschauen! 

 

Wie oft stolpern Leute mir vor den Füßen rum, rennen fast in mich rein auf der Straße mit dem Display in den Händen. "Ooh, der Typ da hinten im Bus gefällt mir... Mist, er guckt. Schnell aufs Handy glotzen. Hat er bestimmt noch nich gemerkt." Schutz, Schutz und Inszenierung.  

 

In Zeiten von digitalem Bulimie-Kontakt à la Tinder und "Ich fress dich mit meinem Duck Face, so heiß bin ich.": Hebt den Blick!

 

Seien wir wieder offen für die Verletzlichkeit, die sich ergibt, wenn man sich in die Augen blickt und sich nicht kennt. Sie ermöglicht die Herstellung von Beziehung, Kontakt, Verbindung.

Sie ermöglicht wahrnehmen und erkennen. Handy einfach mal in der Tasche lassen und sich trauen, jemanden anzuschauen. Vielleicht gibts sogar ein Lächeln. Oder ne Telefonnummer. 

 

 

 

 

 

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