Heiter bis Wolkig - Wie Small Talk deinen Alltag verändert

May 28, 2017

Rollen wir nicht alle manchmal innerlich die Augen, wenn wir bei einer Feier oder einem Kennenlernen gefragt werden: „Und, was machst du so, .. beruflich?“

 

Der Ruf des Small Talks ist faulig, der Kopf sinkt ein, unweigerlich versucht man sich zu verkriechen. Wieso ist das so, was sehen wir in ihm? Small Talk ist lästig und wirkt aufgesetzt. Er ist nicht deep genug, geradezu Verschwendung.

 

 

I'm fine!! How are you?

 

Wie oft habe ich Menschen sich beschweren hören über das perlweißstrahlende, nordamerikanische „How are you?“ Nicht ehrlich sei es. Wenn man 20.000 Mal am Tag gefragt würde, bei jeder Interaktion, könne dies nichts mit Echtheit zu tun haben. Dem Gegenüber wird prompt unterstellt, gar nicht aufrichtig am Befinden interessiert zu sein. Doch geht es wirklich darum, wildfremden Leuten im öffentlichen Raum seine tiefste Trauer zuzumuten oder in aller Ausführlichkeit zu berichten, wie fantastisch der Weihnachtsbonus ausfiel?

 

Schauen wir stattdessen genauer hin, was Small Talk kann.

 

Gemeinsamkeiten & Netzwerk 

 

Gerade das Gespräch über die Arbeit, auf der Arbeit selbst und im Privaten scheint in Deutschland der Renner im Small Talk zu sein. Man kann davon halten, was man möchte, aber die Arbeit ist faktisch vielerorts ein hoch gehaltenes Gut. Sie nimmt einen Großteil der Zeit in Anspruch, hier entstehen Ideen, wir setzen sie um, wir helfen, schaffen, tauschen uns beim Mittagessen aus und Kolleg*innen sehen wir oft häufiger als unsere Familie und Freund*innen. Sie definiert uns ein Stück weit, spiegelt einen Persönlichkeitsteil von uns wider. Das wissen Gesprächspartner*innen, bewusst oder unbewusst. Eine simple Frage wie „Und was machst du so, .. beruflich?“ heißt im Grunde "Wer bist du?" und kann eine Welt öffnen, birgt unendliches Konversationspotential. Es kann sich ein Gespräch entwickeln, das in Ping Pong übergeht, Gemeinsamkeiten erkennen lässt, Fachwissen bereit stellt. Vielleicht fühlt man sich schon sehr bald als In-Group oder bildet ein Netzwerk. Der Auftakt Beruf bildet zugleich unverfängliches Terrain, man tritt uns nicht zu nahe.  

 

 

Gefühlsoffenbarung & Beziehungsherstellung

 

„Obs heute noch regnet? Bestimmt!“, gibt die ältere Dame mürrisch dem jungen Mann zu bedenken, der sein Fahrrad an der Laterne vor ihr abschließt. „Glaub nich', die hatten 20 Grad und Sonne angesagt.“, zuckt dieser die Achseln und fügt hinzu: „Hoffentlich bleibts schön, ich mache meinem Freund heute einen Antrag!“

 

Small Talk gibt Informationen über Gefühle preis, die mal offener, mal versteckter zum Vorschein kommen. Er mutet beiläufig an, aber schafft eines immer wieder: Beziehung. Eine Verbindung.

Ich habe Folgendes erlebt. Im Abstand von zwei Minuten hatte ich eine Nasendusche erworben und Händchen mit dem Apotheker gehalten. Durch einen einzigen Satz nach den Kauf: „Au, damit haben Sie mich aber sehr glücklich gemacht.“ Wir kamen kurz ins Gespräch. Er spürte eine Verbundenheit, streckte seine Hände aus, die ich nahm und stellte sich mit Namen vor.

Nun mag nicht jede*r die Podologie-Erfahrung der Stammkassiererin oder die Krankengeschichte des Kassierers wissen wollen. Fest steht jedoch eines: Small Talk verändert die Atmosphäre. Er lockert die Situation, baut Wände ab, gibt dem Gegenüber zu verstehen, dass Unnahbarkeit nicht zu erwarten sei, man sich durchaus in die Karten schauen lässt. Das ist für alle angenehmer!

 

Wertschätzung & Wohligkeit 

 

Small Talk kann Spaß machen und Sicherheit verleihen! Erst recht, wenn man sich gerade unwohl fühlt. Gern selbst Initiative ergreifen und Fremden Lob aussprechen: „Sie müssen ja Nerven aus Stahl haben!“, wenn die Arztpraxis heute besonders voll ist. Du wirst sehen, wie du die Umgebung um dich her sofort veränderst.

 

 

„Entschuldigung, mir sind Ihre vollen, langen Haare aufgefallen. Die sehen klasse aus.“

 

Lob bietet sich hervorragend an, findet viel zu wenig Anwendung im Alltag! Und bringt Menschen z.T. sogar dazu, sich zu verbünden und Geheimnisse zu gestehen: „Echt? Danke! … (Sie winkt ab.) Sind Extensions, aber pscht (Lacht schallend auf)!“ Schon erlebt! Falls du auf Fragen à la „Naaaa, auch hier?“ keine Lust hast, versuche etwas, das persönlicher ist und ernstgemeintes Interesse ausdrückt. Risk it! Sei mutig. Hierfür bieten sich Fragen, die die Intimsphäre verletzen selbstredend nicht an, wohl aber jene, die der Person eine Wahl in der Antwort lassen und eine offene Nachfrage ermöglichen, um ein fortführendes Gespräch in Gang zu bringen. Es muss nicht zwangsläufig über 3 Sätze hinausgehen, aber es verändert alles für diesen Tag. Es sind diese Begegnungen des Alltags, die den Alltag aufheben und uns mit neuer Leichtigkeit und einem positiven Grundgefühl bis in den Abend begleiten.

 

Small Talk macht Tiefe oft erst möglich! 

 

We all wanna talk about atoms, intellect, faraway galaxies and magic. But sometimes it needs a little foreplay! „How are you?“ mag nicht meinen, in aller Bissigkeit die Belanglosigkeiten des Morgens auszubreiten und auch nicht, jeder Begegnung eine immense Relevanz beizumessen.

 

Es bietet den Einstieg zu einer konkreten Verbindung und vielleicht zu mehr Tiefe. Small Talk lohnt sich, um sich vorzutasten. In der Regel wollen oder können wir nicht instantly unser Innerstes preisgeben. Small Talk works like a warm up for depth oder lässt uns manchmal einfach eine persönliche Atmosphäre herstellen. Deshalb: Wenn du das nächste Mal in der Eisdiele stehst, frage die Verkäuferin, was ihre Lieblingssorte sei und warum – sei gespannt auf die Antwort!

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