Warum dein öder Arbeitsweg wie die Golden Gate Bridge brilliert

June 11, 2017

Duftend steigen die süßen, klebrigen Wolken in die Nase auf. Zebrastreifen und Kekse. Passt nicht. Doch ist es der schönste Teil. Mein Weg zur Arbeit beinhaltet immer 20 Minuten mit dem Fahrrad, vorbei an Industrie, einer Brücke, die zwischen einem Park über den Teltowkanal führt, der Künstler*innen-Wirkungsstätte Green House und ... der Keksfabrik einer sehr bekannten Marke. 

 

Dieser bappige, vertraute Geruch begleitet mich nun bereits 8 Jahre. 

 

 

Auf dem Tempelhofer Feld, unweit meines Zuauses, kann ich ihn schnuppern. Wenn im Winter der Schnee leise unter den Füßen knirscht, das weite Feld glitzernd vor einem liegt und die Sonne gerade erwacht ist. Er bedeutet Vertrauen. Gemütlichkeit. Und auch: Hipp Hipp Working Day! 

 

Beiläufigkeit macht blind

 

Den Arbeitsweg legen wir so häufig zurück, dass uns manchmal gar nicht mehr auffällt, welche Farbe das Kneipenschild an der Ecke hat oder wie die Änderungsschneiderei heißt, die gegenüber unserer Lieblingsbäckerei gefühlt Tag und Nacht geöffnet hat.

 

Ich erinnere mich an die wundervollste Aussicht zur Rush Hour auf dem Weg von Oakland nach San Francisco. Wir standen auf einer Brücke stadteinwärts mit Blick über Alcatraz, hin zur Golden Gate Bridge. Die Wellen funkelten und vom berühmten Nebel war weit und breit nichts zu sehen. Der Morgen war glasklar. Die Autos um uns standen kilometerlang Schlange, mein Couchsurfing Host wippte ungeduldig mit dem Fuß und trommelte auf das Armaturenbrett.

 

Klar. Er hatte schnödi Alcatraz schon 1 Milliarde Mal gesehn, hier, morgens im Stau. Mund halten, jetzt bloß nicht auf die dämliche Schönheit verweisen. Stau um 8, seine Routine. Seine Wut. Dachte ich. Er war genervt. Verständlich.

 

 

Doch was viel mehr in meinem Kopf spukte, war die Verarbeitung seiner Eindrücke dieses Malerischsten aller Arbeitswege bis hierher. Null Aufmerksamkeit. Nada Hin-Und-Weg-Sein von Califor-ni-ayay Style-überquellenden, ewig rankenden Blumentöpfen und Grinsemenschen. Ich kam drauf, dass dies zwei Gründe haben könnte. 

 

1. Wir alle haben unsere Normalität.

 

Logisch, was für mich der Fernsehturm ist, ist für Dean die Golden Gate. Brücke halt. 

Er ist selbst ein Grinsemensch. Er begegnet anderen Grinsemenschen grinsend, ist aber nicht VÖLLIG AUS DEM HÄUSCHEN, so jemandem über den Weg zu laufen. Ja. Ganz offensichtlich nicht in Deutschland aufgewachsen :) 

 

2. Automatisierte Abläufe nehmen uns den Sinn fürs Detail. 

 

Seit Jahren fährt er diese Straße in die Stadt. Irgendwann is och ma jut mit der Besonderheit. Ham wa allet schon jesehn, war allet schonma da.  

 

Routine ist gut. Sicher.

Gelegentlich verschluckt sie aber auch die i-Tüpfelchen und fetten Sahnehauben.

 

Wenn wir es schaffen, unsere Normalität aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und Morning Friend: Autopilot die Chance einräumen, aufmerksam die Sinne zu befeuern, fällt uns plötzlich einiges auf. Dass wir immer derselben Person an dieser Ampel begegnen, dass die Lehrküche neben dem Büro tatsächlich jeden Tag ein verlockendes Mittagsmenü offeriert, das wir mal testen sollten. Dass wir das Lied im Radio zwar beschissen finden, aber jede verdammte Zeile mitsingen können.

Und wir haben ja eh nichts Besseres vor. Morgens um 8. Im Stau. 

 

Was ist dein Juwel auf dem Arbeitsweg; mit wem wechselst du die ersten Worte? Wo kommst du vorbei und freust dich, die Tageszeitung mitzunehmen? 

 

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Featured Posts

Aus Catcalling mach' Kompliment - Geschlechtsspezifik & Selbstsorge

August 27, 2017

1/6
Please reload

Recent Posts
Please reload

Archive
Please reload

Search By Tags