My Food doesn't always look pretty

September 3, 2017

Der Instagram Account Cooking For Bae schafft ein Loblied auf die "Struggle Plate" -

den problematischen, gescheiterten Teller.

 

Nicht immer spricht aus der eigenen alltäglichen Mahlzeit der Food Porn. Kruste angebrannt, Broccoli matschig statt golden roasted. Wir alle kennen die Fauxpas der Küche. Manchen sind sie piepegal und manche denken, sie müssten bei dieser Beleidigung sofort ihren Instagram Account löschen.  

 

 

Essen ist zum Essen da. 

 

So die Meinung der Food Porn - Gegner*innen. Zeitverschwendung und Genervtsein von der Perfektion der fein geschnibbelten und in Szene gesetzten Möhrchenplatte.

Ja, verstehe ich. Show. Wenn neben mir jemand 3 Stunden das Basilikumblatt 2 mm nach links rückt und dies 134 Mal wiederholt, platzt mir der Kragen.

 

Wie der Ehemann im Video meint: "We used to eat our food." 

 

Auch Täuschung ist im Food Styling an der Tagesordnung. Sekundenkleber, Kunstharz.

Wenns mal wieder frisch und deliziös aussehen soll, wird tief in die Trickkiste gegriffen.

Hier ein bisschen Lack, da der künstlich hinzugefügte Wassertropfen für das besondere Imaginationsträumchen.

 

Food Styling bedeutet Aufwand und wird nicht selten damit in Verbindung gebracht, einen Verrat an der Authentizität zu begehen. 

 

Die Inszenierung, die inzwischen jeden Lebensbereich durchdrungen hat, findet hier ihren Wahnwitz.

 

Seit einigen Tagen bin ich nun auf Instagram und mir begegnet eine Flut an Vollkommenheit.

Alle paar Sekunden wird mensch von den wildesten, quietschbuntesten Kreationen überwältigt. Höhere Torte, Ahornsirup-gesprenkelte Pancakes, mit Sternen ausgestochene Kiwis und Bananenscheiben an den Rand der Smoothie - Gläser geklatscht, bevor eine pinke Schicht aus schaumiger Milch sie zart umrandet. 

 

Sind die noch ganz dicht??!

 

 

Ich habe eine stinknormale Stulle in der Hand und möchte Versöhnung schaffen.

Denn meine Haltung dazu ist zweigeteilt und ganz klar. 

 

Ein Akt der Meditation

 

Liebe Leute, ich sag' euch was. Mir geht das Herz auf, wenn ich Ästhetik mit Essen verbinden kann. Manchmal bringe ich eine gute Viertelstunde zu, das Gericht zu dekorieren. Es schmeckt gleich noch besser, wenn soviel Mühe in die Kreation geht. Präparieren, zupfen. Ein Akt der Meditation, der seinesgleichen sucht. 

 

Mit Essen spielt man nicht? 

 

Hoffentlich doch!

 

Man denke an den italienischen Koch Massimo Bottura, der diese Art perfektioniert hat.

Er vereinigt den Käse Parmegiano Reggiano in 5 verschiedenen Variationen auf einem Teller, alle in unterschiedlicher Konsistenz - crunchy, creamy. Jetzt kann gekeift werden, Sterne-Küche sei was anderes. 

 

Genuss & das Wissen der Hände

 

Ich plädiere auch im Alltag für das Recht auf durchdekoriertes Essen.

 

 

Weil die kreative Seite im Menschen angesprochen wird. Das Wissen der Hände! Weil es sinnlich ist, verführt, eine Achtung der Mahlzeit gegenüber darstellt, zu maximaler Entspannung beiträgt, dem eigenen Kochtalent zusätzliche Wertschätzung zuteil werden lässt. Form und Konsistenz in ihrer Eigenart wirken können. Details, Symmetrie, Wellen, Kreise, Mandalas. Einzelne Bestandteile gewürdigt werden.

 

Der Schaffensprozess länger als das Essen dauert. Weshalb Kreation und Zerstörung dicht beieinander liegen. Die repetitive Handlung, die Wiederholung, die Sorgfalt. Die Detailfreude. 

 

 Accounts wie The Sunkissed Kitchen stellen für mich Kunst dar, ein wahres Gedicht für die Sinne.

 

Eine Symphonie an Farben, an der ich mich labe und in der ich mich verliere.

Jede Kleinigkeit inspiziere. Eine Wohltat für die Augen.  

 

Und genauso oft.

 

Tuts auch die Stulle vom Discounter. Der Vollkornbatzen mit nem Gemüseaufstrich. Fertig.

Schnörkellos, nahrhaft, reichlich. 

 

  • Der halbe Apfel, den man gestern nicht mehr geschafft hat. Bisschen braun ist er geworden.   

  • Der restliche Haferbrei, der in sich zusammen sackt. 

  • Spinat in Kombination mit jedem anderen Lebensmittel. 

 

Es wird der Trend kommen, sein Essen ungefiltert abzulichten. Well, alright. I'll start the movement. Presentation: Was vom Mittach noch übrig is(s)t. Nachmittagssnack. Aufregend.

 

# Hashtag No Make up Monday, für Lebensmittel.

 

 

Wenn ich über gestyltes Essen spreche, dann davon, es auch zu sich zu nehmen.

Es nicht kalt und gammlig werden zu lassen, weil die Food Porn - Kreation abgehakt und damit das Interesse an der Mahlzeit vorüber ist. Ich rede nicht davon, möglichst teure, exotische Lebensmittel anzuhäufen, ein Bild hochzuladen und dann festzustellen, dass man Chiajoghurt eigentlich gar nicht mag.

 

Sondern davon, im selbstsorgerischsten Sinne die Lebensmittel zu preisen, zu genießen, am besten mit lieben Menschen. Eine Mahlzeit zu einer MAHL-ZEIT zu machen, mit Liebe investieren, vom Kauf bis zur Gestaltung. Aufwenden, wenn möglich und gewünscht.  

 

  • Nicht zu verzweifeln, wenn ein Ofengemüse perfekt in Form anmutet und keine Kamera zur Stelle ist. Nicht zu verzweifeln, wenn das Tabouleh nach "Mist, auf dem Bild wirkts gar nicht wie ein aufregendes libanesisches Restaurant." schreit. 

 

Nicht zu verzweifeln, wenn Kartoffeln und Quark nach Kartoffeln und Quark aussehen. 

Viele Menschen sind sehr glücklich ohne Schnickschnack. 

 

Solide. Verträglich. Bekannt. Sicher. 

 

 

Appetitlich aussehend mit den spektakulärsten Zutaten muss nicht sein.

Radieschenstulle, gut is. Gänseblümchendeko hin oder her.  

 

Hauptsache lecker! Cooking For Bae machts vor.

Na dann, yum! 

 

Was hältst du von gestyltem Essen auf Social Media-Kanälen?

 

 

 

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