Aus Catcalling mach' Kompliment - Geschlechtsspezifik & Selbstsorge

August 27, 2017

"Hey Sexy!" ruft der Typ mir vom gegenüberliegenden Bahnsteig (!) entgegen. Ich ignoriere ihn.

Ein zweites und drittes Mal. Schaue in eine andere Richtung, bis er aufgibt mit dem Satz: "Oh, you don't understand me?" 

 

"Oh, you don't understand me?"

 

Mit einem mulmigen Gefühl steige ich in den Zug und ärgere mich, immer wieder so offen mit Sexismus und Objektivierung im Alltag konfrontiert zu sein. Das drückende Gefühl hält an, bis ich umsteige.

Die U4 Richtung Hütteldorf lässt noch einige Minuten auf sich warten. So fragt ein anderer Typ, ob er sich neben mich setzen könne. Ich schiebe meinen Rucksack beiseite und denke, dass mein "Klar" vielleicht etwas zu überschwänglich klang.

 

 

Als die Türen der Bahn einige Minuten später aufploppen, schiebe ich mich auf eine leere Sitzgruppe und er kommt abermals angerauscht. Hält Abstand, wirkt verlegen und fragt, wie alt ich sei. Als er bemerkt, dass uns 10 Jahre trennen, grinst er und verleiht seiner Überraschung Ausdruck.

Wir unterhalten uns eine Weile interessiert und ich steige wieder um, in einen Flughafenbus.

 

Gespielt verletzt und höflich sagt er: "Oh, du hast jemanden in Berlin. Dann sehen wir uns wohl nie wieder. Hat mich gefreut! Guten Flug, alles Gute!"

 

Ich fühle mich geschmeichelt und freue mich über diese unaufdringliche Art auf Augenhöhe.

 

Im Security Check steht kurz darauf ein attraktiver, selbstbewusster Mann neben mir, der gerade seinen Laptop in der Plastikkiste für den Scan verstaut. Der Mitarbeiter will wissen, wie viele Kisten gebraucht würden, ob wir "zusammen gehörten". Wir schauen einander an.

 

Der Mann reagiert überrascht, als ich strahlend zu verstehen gebe: "Nee, leider nich." 

Er bedankt sich für das Kompliment und wir lächeln einander an.

 

Augenhöhe statt Fleischbeschau 

 

Ich gehe durch die Sicherheitsschleuse und schaue zurück auf diese 3 Begegnungen, die sich alle innerhalb einer Stunde abgespielt hatten. Staune nicht schlecht, welche Kette von Belästigung zu Aufmerksamkeit ausgelöst worden war und wie meine eigene Wahrnehmung und Selbstsorge eine große Rolle dabei spielten.

 

  • Sexy Dude hätte ich Paroli bieten können, entschied mich als Grenzsetzung jedoch für das Ignorieren in dem Moment. Was blieb, war ein ungutes, objektiviertes Gefühl. Ausgezogen mit Blicken, herabgesetzt und da, um zu gefallen.

 

 

! An anderer Stelle möchte ich auf Formen eingehen, wie selbstsorgsam auf verbale sexuelle Belästigung reagiert werden kann, indem frau antwortet und zur Rede stellt. Meine Wahl an dem Tag fiel auf das Ignorieren, auch der Entfernung geschuldet. 

 

Ich ließ die Situation gehen und die innere Tür ging wieder auf.

 

  • Nur einige Minuten später hatte jemand dann auf sehr aufrichtige Art sein Interesse bekundet und sich anschließend fair verabschiedet. Dieser Begegnung hatte ich eine Chance gegeben und sie nicht, was ebenfalls möglich gewesen wäre, komplett abgewiegelt aufgrund der vorhergehenden Erfahrung. Mir wurde Wertschätzung zuteil, die ich gern annahm, die mir schmeichelte.

 

  • Im Security Check konnte ich diese Aufmerksamkeit zuletzt selbst weitergeben und ebenfalls ein Kompliment vergeben an jemanden, der mir in seinem Auftreten aufgefallen war. Als Akt der Anerkennung , was wiederum in mir eine ehrliche Freude rückkoppelte. 

 

Eine Kettenreaktion an diesem Morgen, die mir letztlich wie ein kleiner Triumph über den Sexismus vorkam, von dem ich mich zunächst überwältigt sah. 

 

 

 

Was heißt das für die Selbstsorge? 

 

Catcalling ist absoluter Mist. Da gibts nichts zu entschuldigen, nichts zu rütteln. Sexuelle Belästigung ist inakzeptabel und steht in direktem Zusammenhang mit Machtausübung, Degradierung, Beschmutzung. 

 

Es war nicht meine Aufgabe, die Energie dieses ersten Calls umzuwandeln in etwas Charmantes, mit dem mensch sich wohl fühlt. Ich hätte hingehen und den Typen zur Verantwortung ziehen können, ihn laut verurteilen für sein Verhalten. Ja. Hab ich nicht gemacht. Aus diversen Gründen. Danach ging es jedoch weiter und anstatt diese Begegnung an mir nagen zu lassen, ist es gelungen, einen Shift von Energie einzuleiten, der bis zu einer inneren Versöhnung ging, als ich letztlich am Flughafen stand. 

 

Catcalling und Kompliment unterscheiden sich scharf

 

Passiert ist passiert. Der anschließende Umgang und die Sorge generell, die ich für mich übernahm, führten also zu dieser Wendung.

 

Innerhalb derer wurde es mir möglich, als anziehend wahrgenommen zu werden und dies als angenehm zu bewerten. Die Steuerung des Gesprächs gehörte dazu und weil ich selbst dem 2. Mann Wertschätzung für den Mut entgegen brachte, mich überhaupt angesprochen zu haben. In einem weiteren Akt hatte ich mich entschieden, ebenfalls ein Kompliment zu machen. 

 

Ich unterstelle, dass Menschen es schmeichelhaft finden, wenn sie von anderen als interessant eingestuft werden und häufig auch, wenn ihnen das Gefühl gegeben wird, dass sie physisch anziehend auf jemanden wirken. Entscheidend für die eigene Wahrnehmung, Einordnung der Situation und die persönliche Sorge sind:

 

  • Kontext

  • Ton 

  • Sprachwahl 

  • Augenhöhe & Respekt

  • gegebenenfalls die notwendige, klare Abgrenzung

 

Und ein offener Anfang. Bei jeder neuen Begegnung.

 

Gerade bei so heiklen, die die Kommunikation körperlicher Attraktivität einschließen. 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Featured Posts

Aus Catcalling mach' Kompliment - Geschlechtsspezifik & Selbstsorge

August 27, 2017

1/6
Please reload

Recent Posts
Please reload

Archive
Please reload

Search By Tags